
Placebos als eigenes Forschungsfeld mit Einsatz als Therapeutika haben in den vergangenen Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen. Bisherige Studien belegen positive Effekte von Placebos auf Faktoren der Lebensqualität (z. B. chronische Schmerzen) in diversen Patientengruppen. Ein positiver Effekt trat auch dann auf, wenn die Anwender wussten, dass es sich um Placebos (Open-Label Placebos (OLP)) handelt und daher nicht wie bei einer verdeckten Placebogabe getäuscht wurden. Ein möglicher Wirkmechanismus bei der Entstehung von Placeboeffekten sind Erwartungen. Die vorliegende Arbeit untersucht, ob OLP in der Lage sind, neben dem Befinden auch die kognitive Leistung zu verbessern und somit eine Alternative zu dem steigenden Konsum psychoaktiver Substanzen unter Studierenden bieten. Für die randomisierte, kontrollierte Analyse wurden 154 Medizinstudierende während der Prüfungsvorbereitung zu Semesterabschlussklausuren untersucht. Zur weiteren Klärung der Rolle von Erwartungen bei OLP wurden die Einstellung zu Medikamenten im Allgemeinen und die Erwartungen an die aktuelle Placeboanwendung als Kovariaten einbezogen. OLP wirkten sich nur dann positiv auf die Prüfungsergebnisse aus, wenn die Studierenden bei OLP-Einnahme ein höheres Vertrauen in den Nutzen von Medikamenten im Allgemeinen hatten. Die konkrete Erwartung an die Placebobehandlung beeinflusste die kognitive Leistung nicht. Weiter waren in der OLP-Gruppe im Vergleich zur Kontrollgruppe ohne Intervention signifikante positive Effekte auf das persönliche Stressempfinden, auf die Müdigkeit und auf die Verwirrung nachweisbar. Die Ergebnisse der vorliegenden Studie liefern einen weiteren Hinweis darauf, dass auch eine offene Verabreichung von Placebos nicht nur bei Menschen mit Grunderkrankungen, sondern auch bei Gesunden die Lebensqualität verbessern kann. Die potenziellen Einsatzgebiete für OLP in der Klinik sind vielfältig, wenn auch nicht einfach umsetzbar. In Zeiten hoher Stressbelastung und Anforderungen (z. B. in Prüfungsphasen) können OLP die Lebensqualität positiv beeinflussen. Die Möglichkeit eines kognitiven Enhancements, evtl. in Verbindung mit einer entsprechenden Erwartungsbildung, sollte weiter erforscht werden. Auch eine Anwendung bei kognitivem Fähigkeitsverlust als Komorbidität ist denkbar. Zudem wäre ein Einsatz von OLP bei Grunderkrankungen, die polypharmazeutisch behandelt werden und mit starken Nebenwirkungen und Beeinträchtigungen der Lebensqualität (Müdigkeit, Verstimmung, gestörter Schlaf) assoziiert sind, vorstellbar.
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