publication . Article . 2012

"Ich soll nicht zu mir selbst kommen" : Werther, Goethe und die Formung des Subjekts in der Moderne

Petersdorff, Dirk von (Prof. Dr.);
Open Access German
  • Published: 16 Jan 2012
  • Country: Germany
Abstract
Die Leiden des jungen Werther: Sie gehen aus einem neuen Reflexions- uns Ausgleichungsbedürfnis hervor, aus der Suche nach einem konsistenten Ich. Werther erlebt die kognitiven und affektiven Veränderungen, die die Moderne heraufführt, und aus diesen Erfahrungen geht sein Verlangen nach Einheit hervor (...). Die Suche nach dem einheitlichen, festen, verläßlichen Ich hält den Briefroman zusammen, und die Gattungswahl korrespondiert mit der Fragestellung, denn das Medium des Briefes hat im 18. Jahrhundert seine rasante Ausbreitung erfahren, weil ein historischneuer Individualitätstyp aufgetreten ist und das Bedürfnis nach einem entsprechenden anthropologischen Dis...
Subjects
free text keywords: ddc:830

7 Dichtung und Wahrheit, I!. Buch (fA I, 14, S. 535).

8 Alfred Schmidt: Artikel Natur. In: Goethe-Handbuch, Bd. 4.2, S. 762.

9 Die Verbindung von Liebe, Identität und Anthropologie ist dargestellt bei Niklas Luhmann: Liebe als Passion. Zur Codierung von Intimität. Frankfurt a. M. I982, der den entsprechenden Diskurs aber erst in der Romantik voll entfaltet findet. Zur Inklusionsleistung der Liebe vgl. auch Julia Bobsin: Von der Werther-Krise zur Lucinde-Liebe. Studien zur Liebessemantik in der deutschen Erzählliteratur. I770-18oo. Tübingen 1994, dort die Forschungsdiskussion S. 76 H. Als Überblick zum literarischen Diskurs die klassische Arbeit von Paul Kluckhohn: Die Auffassung der Liebe in der Literatur des 18. Jahrhunderts und in der deutschen Romantik. Tübingen 'I966.

12 Dabei kommt es zu paradoxen Formulierungen wie der, daß man sich selber anbetet (MA I.2, S. 226, 13. Juli). Sie erklärt sich aus der Durchstreichung von Transzendenz. Der Höchstwert ist die Liebe, auf sie geht auch das Bedürfnis nach Verehrung über. Da aber kein >Liebesgott< vorhanden ist, sondern das Gefühl verehrt wird, richtet der Fühlende seine religiösen Energien auf sich selbst.

13 Zum Begriff der Identität vgl. jetzt den Überblick im Handbuch der Kulturwissenschaften. Grundlagen und Schlüsselbegriffe. Hrsg. von Friedrich Jaeger und Burkhard Liebsch. Stuttgart, Weimar 2004, Bd. I, S. 277 ff., von Jürgen Straub: Individuen müssen sehen, »wer sie geworden sind und sein möchten«, und dies ist unter den Bedingungen der Moderne (Deontologisierung, Enttraditionalisierung, Differenzierung) eine besondere Herausforderung, denn gesucht wird eine Einheit, die unabschließbar, entzweit, ungreifbar ist. Wichtig auch die Hinweise auf die Notwendigkeit von Kontinuität (temporale Einheit), Konsistenz (Widerspruchsfreiheit) und Kohärenz (Zusammenhang miteinander verträglicher Teile). Grundlegend zur Identitätsbildung unter den Bedingungen der Differenzierung: Niklas Luhmann: Individuum, Individualität, Individualismus. In: ders.: Gesellschaftsstruktur und Semantik. Studien zur Wissenssoziologie der modernen Gesellschaft. Bd. 3. Frankfurt a.M. 1989, S. 149-258.

20 Arnold Hirsch: »Die Leiden des jungen Werthers«. Ein bürgerliches Schicksal im absolutistischen Staat. In: Etudes Germaniques 13 (1958), S. 229-25°. Dagegen Kemper (Anm. 3), S. 77 ff: Werther wird nicht in erster Linie der Konservatismus der feudalen Gesellschaftsordnung zum Verhängnis, sondern eher die sich andeutende funktional differenzierte Gesellschaft.

21 Zum neuen Typ der bürgerlichen Gesellschaft in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts vgl. die komprimierte Definition bei Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Bd. I: Vom Feudalstaat des Alten Reiches bis zur defensiven Modernisierung der Reformära, I770-I8I5. München 1987, S. 236-24°.

22 Er entstammt offenbar einer höhergestellten bürgerlichen Familie mit gutem Kontakt zu gesellschaftlichen Eliten; vgl. dazu die Angaben bei Horst Flaschka: Goethes »Werther«. Werkkontextuelle Deskription und Analyse. München 1987.

24 Werther als Literatur über Literatur, der Protagonist als Leser und Schreiber; vgl. etwa Anse1m Haverkamp: Illusion und Empathie. Die Struktur der >teilnehmenden Lektüre< in den Leiden Werthers. In: Erzählforschung. Hrsg. von Eberhard Lämmert. Stuttgart 1982, S. 243-268; hier S. 259, die Aussage: »Mit der Tinte sind die Tränen getrocknet« .

Powered by OpenAIRE Open Research Graph
Any information missing or wrong?Report an Issue