Sexualität im Werk Arno Schmidts

Doctoral thesis German OPEN
Reischert, Jessica (2006)
  • Subject: 800 | 800 Literature and rhetoric

Die Sexualität im Frühwerk Arno Schmidts stellt ein umfangreiches und komplexes Thema dar, das dennoch auf gewisse Grundmuster und –vorgänge reduziert werden kann. So haben sich bei der Begegnung von Menschen untereinander klare Linien ergeben, anhand derer viele Gespräche eingeordnet und analysiert werden können. Unterschieden werden können mehrere Gesprächstypen, in denen sich bestimmte Verhaltensweisen der Schmidtschen Protagonisten zeigen: In den geschlechtlich gemischten Gesprächsrunden dominieren zotige Aussagen und Anspielungen, meist gegenüber den am Gespräch beteiligten Frauen. Diese Zoten verankern den Erzähler und seine Beobachtungen zum einen im Alltag, sofern sie von Umstehenden getätigt werden, zum anderen werden die Erzählungen dadurch aber auch erotisch aufgeladen, d. h. die überwiegende Alltagstristesse wird erotisiert. Da die Erzähler selbst selten zu Zoten neigen – das widerspräche ihrem nach außen getragenen Intellekt -, werden so die Bemühungen der anderen, ihr Leben erotisch aufzuwerten, vorgeführt; man könnte auch sagen, dass eine in Bezug zu den Schmidtschen Protagonisten andere Form der Sexualität dargestellt wird, von der sich die Erzähler in ihrem eigenen Erleben zu unterscheiden versuchen. Erotisch konnotierte Gespräche dagegen verweisen auf anderer als der sprachlichen Ebene auf die Veknüpfung von Menschen: Neben der Rede ist die Sexualität ein intimes und damit auch verbindendes Moment, das sich mit Hilfe von sexuell eingefärbter Sprache auf eine ganze Gruppe von Menschen ausweiten, und diese sich näher kommen lässt. Frauen vertreten in Gesprächsrunden in den Augen des Erzählers meist langweilige und wenig eigenständige Meinungen. Sie stellen vielmehr eines der Mittel dar, sich selbst gegenüber den anderen männlichen Gesprächsteilnehmern zu erhöhen – insofern zählt wenigstens der Eindruck, den eine Frau vom Erzähler im Laufe des Gesprächs gewinnt. Sexualität und das Reden darüber, sowohl in prüder zotenhafter Manier, als auch in versteckter, bloß andeutender Form, sind wichtige Mittel im zur Zeit Schmidts prüden Deutschland, dessen verkrampfter Alltag den Menschen keine Möglichkeit bot, ihre Sexualität abseits von den genannten Gesprächsformen zu benennen und zu diskutieren. In den Männergesprächen spiegeln sich deshalb auch häufig die sexuellen Probleme und Vorstellungen der Männer, für die ihre Gespräche eine Art Katalysatorfunktion übernehmen, um ihrem aufgestauten Alltagsfrust in wenigen Momenten gemeinsam zu entfliehen. Ihre Gespräche kontrastieren so Wunsch und Realität, und zeigen die Spannungen zwischen diesen beiden Polen auf. Im direkten Gespräch mit Frauen wird die Rede des Erzählers zu einem Instrument der Verführung: Die Leidenschaften des Geistes sind es, die die Reden der Erzähler gegenüber potentiellen Partnerinnen transportieren, um sich von den anderen primitiven Männergestalten abzuheben. Innerhalb dieser Gespräche wird also weniger Sexuelles vermittelt, als vielmehr die Voraussetzung für spätere Sexualität geschaffen. Die zur Schau gestellte Wissensdominanz des Erzählers garantiert ihm Zuwendung und Zuneigung, die beide eng mit der intellektuellen Anerkennung verbunden sind – körperliche Potenz spiegelt sich demnach in der geistigen, die einen höheren Stellenwert einnimmt. Innerhalb dieses Gefüges wird die Frau in die Rolle der Zuhörerin und Schülerin verwiesen, durch die sie die Liebe und Selbstliebe, sowie die Fremd- und Eigenanerkennung des Schmidtschen Mannes befördert: Je stärker die Anerkennung der Frau, die häufig auch mit Liebe verwechselt wird, desto größer ist die Selbstbestärkung und eigene Anerkennung der Protagonisten, nach der sie pausenlos suchen. Inmitten ihrer Verführung wird die Frau so zum Mittel und Spiegel der Selbstverliebtheit der Erzähler, die sich über ihre Eroberung geistig selbst bestätigen. Die bereits zu Beginn einer Beziehung deutlich sichtbare Wissensdominanz der Protagonisten führt jedoch schon bei den ersten Annäherungsversuchen auch zu einer Distanz zwischen den Partnern, die sich nicht auf gleicher Ebene begegnen. Das, was eigentlich zu Intimität führen soll, zerstört dieselbe sofort wieder, denn Sexualität kann nur stattfinden, sobald die Frau die männliche Dominanz, und damit auch die Distanz anerkannt hat. Nähe wird deshalb nicht zugelassen, so dass es auch zu keiner wirklichen Liebesbindung kommen kann, die eben diese voraussetzte. Beziehungen sind im Schmidtschen Werk deshalb immer auch etwas Problematisches: In Affären flüchten die Protagonisten vor ihrem Alltag, und versuchen, eine Art Gegenbild zu diesem zu konstatieren. In einer Welt, die nicht an Morgen denkt, weil der Glaube an die Zukunft durch die vergangenen Katastrophen zerstört wurde, ist jedoch nur ein sehr begrenztes Glückserleben möglich; Zukunftsplanungen sind ein Ding der Unmöglichkeit, wo die Reduzierung auf die erlebte Gegenwart erfolgt. Das bestmögliche Einrichten im Vorhandenen erlauben die zwischen Männern und Frauen eingegangenen Zweckgemeinschaften, die keinen Neuanfang wagen, sondern die Dinge nehmen, wie sie sind. Den Beteiligten bieten sie Zuwendung, Beistand und eine gewisse aufscheinende Zärtlichkeit, dabei vergessen beide aber nie ihre eigentliche Situation. Für die Liebe als zunächst unendlich erscheinende Größe gibt es in diesem Begrenzt-Gegenwärtigen keinen Raum. Auf diese Weise wird die Einsamkeit zum zentralen Punkt, dem man zu entfliehen versucht, ohne nach wirklicher Nähe zu suchen: Die Zweckgemeinschaften stellen deshalb weniger ein Mit-, sondern vielmehr ein Füreinander dar. Anders als diese freiwillig eingegangenen Zweckgemeinschaften, werden Ehen häufig aus Zwang, sexueller oder materieller Not geschlossen. Dementsprechend nehmen sie fast ausschließlich einen unbefriedigenden Verlauf: Frustration, Kontrolle und Betrug werden zu alltäglichen Gefühlslagen und Vorgängen. Den Protagonisten bleibt dabei häufig nur die innere Emmigration und ihre sexuellen Vorstellungen, die einen anderen Zustand herauf beschwören. Stellvertretend für die in den Augen der Erzähler eigentlich überflüssige Institution Ehe wird die Ehefrau zur Verkörperung aller innerhalb derselben erfahrbaren Schrecken und Unzumutbarkeiten – die Ehefrau ist in ihrer Funktion so der Inbegriff allen Negativen, wenn es um zwischenmenschliche Beziehungen geht. Innerhalb dieser Beziehungsgeflechte kommt es so vermehrt zu Entfremdungserscheinungen der Partner, aber es werden auch konkrete Trennungssituationen geschildert, die sich aus der Bindungsunfähigkeit aller Beteiligten ergeben. Die Rahmenbedingungen lassen oft keine wirkliche Nähe, dafür Unannehmlichkeiten aufkommen, denen die Protagonisten und ihre Partnerinnen nicht gewachsen sind. Auch hier gilt: Stetigkeit ist kein Faktor der nachkatastrophischen Lebenswelt, in der sich die Schmidtschen Erzähler zurechtfinden müssen. Sexualität und Erotik sind demnach in eigene Vorstellungswelten eingebunden, die die Wirklichkeit zwar nicht umgehen, aber für kurze Zeit ausschalten: Diese Vorstellungen werden jedoch nur selten direkt geäußert – sie stellen Gedankenspielereien und eine Möglichkeit der Kompensation des alltäglichen Nichterlebens dar. Die von sexuellen Gedanken und Vorstellungswelten durchzogenen und durchbrochenen Handlungsstränge münden in eine Diskontinuität des Erlebens, d. h. es gibt keinen epischen Fluss von Ereignissen. Diese Form der Prosa passt sich so der porösen Struktur des Gegenwartsempfindens der Protagonisten an; eine Auflösung von Kontinuität, die sich auch im aufgebrochenen Satz- und Schriftbild der Schmidtschen Texte widerspiegelt. Die erotischen Gedankenspielereien der Erzähler durchziehen auf diese Weise als kompensatorische Handlungen sowohl die Struktur-, wie auch die Inhaltsebene, und bringen die Zerrissenheit der Protagonisten zwischen Alltagserleben und Wunschdenken zum Ausdruck. Die Aneignung fremder erotischer Phantasien mittels verschiedener Schriftmedien wird damit zur Ausgangsbasis für das eigene Erleben und eine Flucht aus dem Alltag, die durch hohe Identifikationswerte den Zugang und die Fluchtbewegung hin zu einem anderen Leben erleichtert. Der Akt selbst ist auf unterschiedliche Weise codiert: Die unmittelbaren Schilderungen zeigen eine totale Verschmelzung von sexuellem Subjekt und Objekt durch aufgelöste Körpergrenzen mit der Umgebung. Die konkreten sexuellen Vorgänge werden dabei mit Hilfe von Metaphern poetisch verfremdet, so dass dieses Metaphernsystem auch den Widerspruch von Anziehung und Abstoßung bei den Protagonisten selbst überlagert. Die Aufhebung des eigenen Körpers in der Körperlichkeit, sowie die Reduzierung der menschlichen Sprache auf bloße Laute, erscheinen den sonst der Rede und Schrift verhafteten Erzählern als unbehagliche Effekte von Sexualität, die auf eine Auslöschung des Individuums im Akt hinauslaufen; dies spiegelt sich auch in der häufigen Verwendung von Erstickungsmetaphern wider. Durch die absolute Reduktion der Darstellung auf Zeichen oder ein betontes Vorher und Nachher, tritt nicht nur eben jene Sprachlosigkeit der am Akt beteiligten Erzähler offen zu Tage, sondern es wird auch deutlich, dass sich die Protagonisten selbst, wie auch dem Leser, ein genaues Hinsehen versagen. Intimität trägt dementsprechend positive und negative Züge, für die es keinen wirklichen Ausgleich zu geben scheint. Zentral für die Koitusdarstellung ist deshalb auch das Motiv des Wassers, das auf die unerwünschten Fortpflanzungsfolgen von Sexualität verweist, welche letztlich nichts anderes als die Angst vor der Schuld offenbaren, das schmutzige und leidvolle Lebensprinzip aufrecht erhalten zu haben; der sich daraus ergebende Abscheu vor allem Organischen ist überall spürbar. Diese Spannung und das Wissen, dass man dem Allen nicht wirklich entfliehen kann, da sich auch der Verweigerer gewissen Lebensprinzipien unterzuordnen hat, zeigt sich nicht nur bei den Schmidtschen Erzählern, sondern auch beim Autor selbst. In den deutlich ausgesprochenen Ekel mischt sich die Furcht vor den eigenen Alters- und Verfallserscheinungen, so dass der Abscheu vorm Organischen an sich auch ein Ekel vor sich selbst und der eigenen Existenz ist. Diese ist ebenso der verantwortungslosen Sexualität der Eltern geschuldet, wie auch dem verhassten Lebensprinzip – die Schmidtschen Erzähler wissen demnach alle, dass sie, vor allem ihrer eigenen Vorstellung nach, kein wirkliches Existenzrecht besitzen. Sexualität rückt so in das direkte Spannungsfeld von Leben und Tod: Während sie auf diese Weise zum einen auf den Tod verweist, verdrängt sie denselben zugleich durch die Vitalitätsbezeugung, die dem Vorgang zu Grunde liegt. Das ist das Paradoxon der Schmidtschen Protagonisten, das diese nicht wirklich überwinden, das sich aber auch von außen betrachtet nicht auflösen lässt, und deshalb als solches im Werk existent ist und bleibt. Einzig die Natur, deren Bestandteil der Mensch ist, wird zu einem sexuellen Symbol, mit dem sich manchmal auch leben lässt, obwohl auch sie Trägerin und Übermittlerin des verabscheuten Lebensprinzips ist: Sie ist zugleich aber auch Metaphernlieferant und Kulisse. Für nahezu alle Schmidtschen Frauen ist die Erfahrung von Sexualität an eine andere Form des Ekels gebunden, da sie sie zu oft in Verbindung mit Gewalt erlebt haben: Vergewaltigungen und sexuelle Gewalt werden so zur erschreckenden Normalität in Bezug auf die Erfahrungen der Kriegs- und Nachkriegsgeneration. Die damit oftmals einhergehende Zerstörung des Lustempfindens wirkt sich in den meisten Fällen auch auf die sexuelle Beziehung zum Erzähler aus. Die Zäsur „45“ symbolisiert beispielsweise für Hertha das Hereinbrechen ihrer Katastrophe von Flucht und Vertreibung, verbunden mit als sexuell empfundener Gewalt, die sie orientierungslos machte, und nach Halt in der Beziehung mit Karl suchen ließ. Aber auch die Männer sind durch ihre eigenen Kriegserlebnisse geschädigt, weshalb Männer wie Frauen gleichermaßen unter den schlechten Erfahrungen und dem Verlust der im Krieg vergeudeten Jahre leiden. Das Schönreden hilft in diesen Fällen wenig, aber in der verfehlten Kommunikation blitzen des Öfteren die eigentlichen Probleme und ihre Ursachen auf, denen sich beide Seiten nicht stellen wollen und können. Aus diesem Grund versuchen alle, sich bestmöglich an das anzupassen, was man vorfindet. Innerhalb der Texte, die im Nachkriegsdeutschland zu verorten sind, wird die historische Katastrophe jedoch nur zitiert, so dass die allgemeine Situation mit dem Einzelfall und den sich daraus ergebenden eigenen Spannungen zusammenfällt. Dennoch zeigen sich auch in Schmidts eigentlich pessimistischen Werk optimistische Züge: Zwar sah Schmidt für die menschliche Zukunft im Allgemeinen schwarz, aber im Besonderen sehen seine Erzähler in Bezug auf ihre Sexualität auch eine gewisse Hoffnung aufscheinen. Auswege aus der sexuellen Misere zeigen sich in einer Form sexueller Utopien, die keinen Bestand als dauerhafte Gegenmodelle haben, wo die Flucht aus dem Alltag aber für kurze Zeit gelingt: Dort verwandeln sich Gewalt- in Sexualakte, d. h. Angst in Angstlust, die Sexualität wieder erträglich macht. Der Voyeur verdeutlicht die bereits erwähnten Widersprüche von Abstoßung und Anziehung nur noch, und verkörpert in seiner Figur die langsame Überleitung zu den Protagonisten des Spätwerks. In den „Ländlichen Erzählungen“ der 60er Jahre findet ein Wandel der Präsentation und Präsenz von Sexualität im Werk Schmidts statt – im Spätwerk, wo die Fusion von Misere, Resignation und Humor erst gänzlich vollzogen wird, stellt Sexualität immer eines der Hauptthemen dar. Die Frauengestalten im Frühwerk zeichnen sich durch eine auffallende Abwesenheit von Schönheit aus, sind dadurch aber auch sehr der Realität verhaftet. Sie verkörpern oft den modernen berufstätigen Typ, sind sachlich, nüchtern und glatt. Der Typus der Kindfrau lockt dagegen mit einer körperlichen und geistigen Unversehrtheit, sowie einer gewissen Rätselhaftigkeit, die vor allem den modernen Frauen abhanden geht. Aus diesem Grund eignen sie sich besonders gut als Projektionsfläche für die Sehnsüchte der männlichen Protagonisten. Auch die Sekretärin ist die Verkörperung erotischer Phantasien, denn die Protagonisten finden in ihr die Verbindung von Praktischem und Glück in der Arbeit und der Arbeitsbeziehung. Die anderen Frauen müssen erst ihrer Verwurzelung in der Realität und im Alltag enthoben werden, um eine erneute Verschlüsselung zu erfahren: Der aufgebaute agesellschaftliche Kontext macht sie zu erotischen Kulturwaisen, denen der Erzähler zum einen mit seiner Wissensdominanz begegnet, die dadurch aber auch vom Leid der übrigen Menschheit ausgeschlossen werden. Die Wandlung der Frauen- in mythologisierte Gestalten bezeichnet das Hinübergleiten in eine Sphäre des Uneindeutigen, wo Sexualität stattfinden kann. Die Partnerinnen durchlaufen dabei in den Augen des jeweiligen Erzählers nicht nur eine Gestalts-, sondern auch eine Wesensveränderung, so dass bereits an diesem Punkt eine Parallele zum individuumsauflösenden Akt gezogen wird. Darin offenbart sich zudem vollends die Wildheit der Frauen, die zu Mischwesen werden, die wiederum dem Protagonisten den sexuellen Zugriff erleichtern. Ein Eingreifen oder auch Verändern der leidvollen Wirklichkeit kann darüber hinaus nur erfolgen, indem man die Frauen derselben entreißt, um sie in veränderter Form wieder in diese zu entlassen. Ein ähnlicher Prozess liegt auch dem Phänomen der Sexualisierung von Gegenständen, Tätigkeiten und Alltagssituationen zu Grunde, die Besonderes hervorhebt, Lustvolles unterstreicht, erotisch einfärbt und eine nicht vorhandene Sexualität kompensiert. Sie verdeutlicht zudem den provokativen Charakter des scheinbar Normalen, indem sie gesellschaftliche Vorgänge kontrastiert und auf den Punkt bringt, wo andere sprachliche Mittel zu direkt wären oder versagten. Durch die mit Hilfe der Verschiebung aufgebaute Distanz besitzt die Sexualisierung bestimmter Tätigkeiten, Gegenstände und Situationen außerdem eine katharsische Wirkung, die eine der Voraussetzungen für kritische Ansätze darstellt. Dass Schmidt unter dem Einfluss der Psychoanalyse stand, zeigt sich in der Hervorbringung von Mehrfachbedeutungen durch sprachliche Verformungen im Sinne Freuds, wie sprachliche Fehlleistungen, Versprechen oder Verschreiben. Zunächst ging damit jedoch weniger ein wirklich psychoanalytisches Studium des eigenen Werks einher, sondern vielmehr eine sprachlich-ästhetische Bereicherung der literarischen Produktion. Die Sprache ist bei Schmidt aber mehr als ein bloßes ästhetisches Betätigungsfeld – sie ist ebenso zentral für die werkimmanente Auffassung von Sexualität, die immer von Sprache abhängt: in ihrer Anbahnung, in ihrer Beschreibung, in ihrer Form der Kritik. Sexuelle Sehnsüchte und Vorstellungen finden so auch immer Eingang in Schrift- und Lautbild der Texte. Das Reden über und für Sexualität wird so zur sexuellen Ersatzhandlung; es findet eine Verlagerung von der praktischen auf die sprachliche Ebene statt, wie sie sich vollständig bei den Erzählern des Spätwerks zeigt. Durch die Verknüpfung von Sprache und Sexualität wird auch der kreative zu einem sexuellen Prozess, aus dem das Werk als Produkt hervorgeht. Dieses Produkt ist zugleich ein gesellschaftskritisches Mittel der Entlarvung, indem es das beschreibt, was der Autor vorfindet. Die Realität kann deshalb nicht weniger pornographisch sein als das, was Eingang in die literarische Schilderung findet. So wie jedoch das Lob der menschenleeren Welt in „Schwarze Spiegel“ als Ausdrucksform des Hasses auf die Selbstdestruktivität des Menschen zu lesen ist, so braucht auch der Misanthrop, der sich in diesen Kritiken offenbart, die Menschen, gegen die er seinen Hass und seine Verachtung richten kann. Die Provokation wird so eine im Angesicht des Publikums, das sie zur Kenntnis nimmt. Der scheinbare Gegensatz von Autor und Publikum ist deshalb ein ebenso oberflächlicher, wie der von Landvolk und Intellektuellem, der das Objekt seiner Verachtung anerkennen muss, um sich von ihm abstoßen zu können. Es handelt sich vielmehr um ein dialektisches Verhältnis, dessen Unvereinbarkeit vom Grad der Bildung der Beteiligten abhängt; das gilt auch für die aufgemachte Konkurrenz von Geist und Sexualität. Die Widersprüche von Anziehung und Abstoßung findet man überall im Schmidtschen Werk vor, so auch auf dieser Ebene. Ab dem Ende der 60er Jahre zog die vom Spätwerk ausstrahlende und verfolgte Ethik des Verzichts jedoch endgültig eine Trennlinie zwischen dem Autor und der Welt. Der Rückzug aus der Welt und die Konzentration auf sein Spätwerk zeigen, wie die Widersprüche der Protagonisten auf der Ebene von Schmidts Leben wirken: Worauf im realen Leben zugunsten des Geistes verzichtet wird, das spiegelt sich in literarischer und damit geistig verarbeiteter Form auf der Textebene wider, wo in Gesprächen vor allem Sexuelles aufgearbeitet und besprochen wird – die Auseinandersetzung auf Textebene ist also ebenfalls eine geistige. Damit sind die Widersprüche nicht beseitigt, haben aber auf der aktiven Seite von Sexualität keinen Platz mehr. Schönes wird im Werk nicht geschildert, aber durch Worte wird Schönes erzeugt, ebenso wie Glück nicht wirklich empfunden, aber Vergnügen beim Lesen hervorgebracht wird. Das Paradoxon des Schmidtschen Werks eröffnet sich somit auch dem Leser. Arno Schmidt mag in seinen Schilderungen zwar von Lebensidealen abweichen, aber nicht zwingend von der Wirklichkeit. Seine Protagonisten halten sich in dieser mit Gesten trotzigen Ungeschicks, im Rückzug auf eine biologische Komik und in der Hoffnung auf einen reinen Geist über Wasser - in dieser Welt passiert Erotik im Kopf, Sexualität findet in Grenzsituationen statt und Liebe muss letztlich scheitern.
Share - Bookmark