Der Sport und die traditionelle Bewegungskultur der Aborigines

Doctoral thesis German OPEN
Wrogemann, Ohle (2001)
  • Publisher: FB 06 - Psychologie und Sportwissenschaft. Sportwissenschaft
  • Subject: Athletic & outdoor sports & games
    • ddc: ddc:796

Bei mehreren Studienaufenthalten in Australien wurde nach den Betrachtungsweisen der deutschen Sportwissenschaft umfangreiches Material der nachstehenden Quellen gesammelt: persönliche Kontakte zu einzelnen Personen, Besuch von öffentlichen und privaten Institutionen, Verfolgen des aktuellen Mediengeschehens, narrative Interviews mit Aborigines, Gespräche mit Experten unterschiedlicher Fachrichtungen, Politikern und Personen der multikulturellen australischen Gesellschaft, Teilnahme an interdisziplinären Kongressen, Workshops, Ausschusssitzungen und Vorträgen, informelle Beobachtungen in den australischen Bundesstaaten (mit Ausnahme Tasmanien) sowie Besuch der Kommune der Aborigines in Oenpelli im Arnhemland. Bedingt durch eine andersartige Konzeption und thematische Interessenlage der Sportwissenschaft, durch die soziale und politische Randstellung der betrachteten Population und die problembehaftete Thematik, ist in Australien kaum sportwissenschaftliches Material vorhanden, wie bereits die vorangegangene Magisterarbeit 'Die Bewegungskultur der australischen Ureinwohner (Aborigines)' belegt. So erfolgte bei der Sichtung des größtenteils fachfremden Materials eine Vorauswahl fachspezifischer Informationen. Nach der kritischen Diskussion von ausgewählten sportwissenschaftlichen Aspekten mit der Zielsetzung, die Besonderheiten der australischen Ureinwohner im Sport und der eigenen Bewegungskultur zu erkennen und zu berücksichtigen, lassen sich in der Zusammenfassung nachstehende Aussagen treffen, die im Detail einen erheblichen Forschungsbedarf für die Sportwissenschaft anzeigen. Die negativen Folgen der Akkulturation der ursprünglichen Jäger und Sammler mit dramatischen pathologischen Veränderungen von Herz-Kreislauf, Stoffwechsel und verschiedenen Organen sowie ihrer psycho-sozialen Situation schränken die Bewegung erheblich ein und beschleunigen den gesundheitlichen Zerfall. Eine gezielte gesundheitsorientierte Bewegungsförderung in Abstimmung der dominanten australischen Kultur und der Kultur der Aborigines durch qualifiziertes Personal könnte die desolaten Umstände positiv beeinflussen. Die kulturspezifischen Besonderheiten der Ureinwohner sollten nachdrücklich Berücksichtigung finden, auch um Bestrebungen zur Akkulturation entgegenzutreten. Dem Rassismus, dem Sexismus und anderen Formen der Diskriminierung im Sport, auch zwischen traditionell orientierten und akkulturierten Aborigines, sollte durch Aufklärung anhand von Informationskampagnen und Bildungsprogrammen entgegnet werden. Sportlerpersönlichkeiten haben die Möglichkeit hierbei Unterstützung zu leisten. Regeln und Bewertungsrichtlinien im Sport sollten auf diskriminierende Aspekte geprüft werden. Das kulturspezifische Lernverhalten der Aborigines traditioneller Bindung sollte im Sportunterricht und Training bedacht werden, um eine bestmögliche Förderung der Schüler bzw. Sportler zu erreichen. Eine abgestimmte sportliche Betätigung scheint für einen Transfer positiver Effekte in den übrigen schulischen und beruflichen Alltag zu sprechen. Eine bikulturelle bzw. multikulturelle Erziehung könnte für den Sportunterricht eine Annäherung der Kulturen bewirken und zur Pflege der einzelnen Kultur beitragen. Ideal wäre eine Integration von traditionellen Bewegungsformen im Schul- und Freizeitsport, was für eine positive interkulturelle Verständigung spräche und den australischen Sport bereichern würde. Der Sport scheint letztendlich die traditionelle Bewegungskultur der Aborigines, die eine starke kulturtragende Funktion hat, zu verdrängen und somit ein Stück ihrer Identität. Nur Toleranz, Einsicht und das Engagement beider Kulturen könnte dies noch verhindern.
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