Hamlet vor Ödipus. Die Postmoderne als Mythos der Moderne

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Zizek, Slavoj (2001)
  • Publisher: Passagen-Verlag
  • Subject: 2001 | Kulturtheorie

Wenn wir in der Psychoanalyse über Mythen sprechen, sprechen wir in Wahrheit über einen Mythos, den Ödipusmythos . alle anderen Freudschen Mythen (der des Urvaters, Freuds Version des Moses-Mythos) sind, wenn auch notwendige, Variationen davon. Mit der Hamlet Erzählung kompli­ziert sich jedoch die Lage: Die standardisierte, vor-Lacansche .naive. psychoanalytische Lesart von Hamlet fixiert sich bekanntlich auf Hamlets inzestuöses Begehren nach seiner Mutter. Hamlets Schock über den Tod seines Vaters wird demgemäss als die traumatische Wirkung erklärt, die die Erfüllung eines unbewussten gewalttätigen Wunsches (in diesem Fall der Tod des Vaters) auf das Subjekt ausübt. Der Geist des toten Vaters, der Hamlet erscheint, ist die Projektion von Hamlets eigener Schuld hinsichtlich seines Todes­wunsches gegenüber dem Vater. Sein Hass auf Claudius ist Effekt einer narzisstischen Rivalität . Claudius, anstatt Hamlet selbst bekommt die Mutter; seine Abneigung gegenüber Ophelia und der Weiblichkeit im gan­zen drückt seine aggressive Ablehnung einer Sexualität in ihrer ersticken­den, inzestuösen Form aus, die aus dem Fehlen des väterlichen Verbots/ Sanktion entspringt. Gemäß dieser Standard-Lesart legt Hamlet als mo­dernisierte Version des Ödipus Zeugnis ab von der Verstärkung des ödi­palen Inzestverbots im Übergang von der Antike zur Moderne. Im Fall von Ödipus haben wir es immer noch mit Inzest zu tun, während in Ham­let der inzestuöse Wunsch verdrängt und verschoben ist. Und es scheint, dass die nämliche Bezeichnung von Hamlet als Zwangsneurotiker in die­se Richtung führt: Im Gegensatz zur Hysterie, die in der ganzen (zumin­dest der westlichen) Geschichte zu finden ist, ist Zwangsneurose ein ein­deutig modernes Phänomen.
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