Evidenzbasierte Diagnostik phonologischer Störungen - Entwicklung und Evaluation eines Sprachanalyseverfahrens auf der Basis nichtlinearer phonologischer Theorien

Doctoral thesis German OPEN
Ullrich, Angela (2011)
  • Subject:
    • ddc: ddc:370

Forderungen nach einer Qualitätssicherung in der sprachtherapeutischen Diagnostik werden durch die fortlaufende Umstrukturierung des deutschen Gesundheitswesens und der Adaption des Konzepts der evidenzbasierten Praxis zunehmend dringlicher (Schmacke, 2000; Beushausen 2009). Als grundlegende Voraussetzung für eine qualitätssichernde Diagnostik müssen Therapeuten Verfahren zur Verfügung stehen, deren zugrunde liegende Theorien der besten wissenschaftlichen Evidenz zur Beantwortung der jeweiligen diagnostischen Fragestellung entsprechen und die empirisch auf die Erfüllung von Gütekriterien überprüft wurden (Klee, 2008). Nicht nur durch eine unzureichende theoretische Fundierung, sondern auch angesichts einer Ermangelung adäquater Gütekriterien, die an die Ziele und Methoden qualitativer Sprachanaylseverfahren angepasst sind, vermögen bisherige Verfahren zur Diagnostik phonologischer Störungen die Erfüllung dieser Anforderungen nicht zu leisten. Das im Rahmen der vorliegenden Dissertation vorgestellte Sprachanalyseverfahren NILPOD zielt (1.) auf die differenzierte Rekonstruktion des zugrunde liegenden, kindspezifischen phonologischen Systems, (2.) der Identifizierung der im Vergleich zum phonologischen System der Zielsprache noch nicht erworbenen phonologischen Strukturen sowie (3.) der Ableitung von Zielen zur individuellen und störungsspezifischen Therapieplanung ab (Romonath, 2007). Das Verfahren wurde unter Bezugnahme auf nichtlineare phonologische Theorien entwickelt, die der derzeit besten Evidenz für eine adäquate Beschreibung des phonologischen Systems der Zielsprache und der Beschreibung normaler und gestörter phonologischer Entwicklungsverläufe entsprechen (Bernhardt & Stemberger, 1998). Darüber hinaus wurden bei der Entwicklung Gütekriterien der quantitativen und qualitativen Forschung explizit berücksichtigt. Von den als relevant identifizierten Kriterien wurden die Kriterien Auswertungsobjektivität, Interpretationsobjektivität, Ökonomie und Nützlichkeit im Rahmen einer formativen Evaluationsstudie überprüft. Ausgangspunkt der Studie bildete eine dreitägige Schulung an der 60 Sprachtherapeuten und Logopäden teilnahmen, denen theoretische Grundlagen der nichtlinearen Phonologie und die praktische Anwendung von NILPOD vermittelt wurden. Im Anschluss an die Schulung bekamen die Therapeuten transkribierte Datensätze von vier phonologisch auffälligen Kindern mit der Aufgabe diese mit Hilfe von NILPOD auszuwerten und hinsichtlich der Ableitung von Therapiezielen zu interpretieren. Darüber hinaus wurde ihnen ein Evaluationsbogen ausgehändigt, in dem sie Fragen zu den Nebengütekriterien Ökonomie und Nützlichkeit beantworten sollten. Durch die Ergebnisse der Studie bestätigt werden konnte die Erfüllung der Kriterien Auswertungsobjektivität und Nützlichkeit, während die Kriterien Interpretationsobjektivität und Ökonomie noch Raum für eine Optimierung lassen. Durch diesen kontrollierten Entwicklungsprozess hebt sich das Sprachanalyseverfahren NILPOD deutlich von bisherigen Verfahren ab und kann langfristig einen wesentlichen Beitrag zur Qualitätsverbesserung in der sprachtherapeutischen Intervention bei phonologischen Störungen leisten. Bernhardt, B. M. & Stemberger, J. P. (1998). Handbook of phonological development: From the perspective of a constraint-based nonlinear phonology San Diego, CA: Academic Press. Beushausen, U. (2005). Evidenz-basierte Praxis. Mythos und Realität. Forum Logopädie, 19, 7-12. Klee, T. (2008). Considerations for appraising diagnostic studies of communication disorders. Evidence-Based Communication Assessment and Intervention, 2, 34-45. Romonath, R. (2007). Diagnostik von phonetischen und phonologischen Störungen bei SSES: Theoretische Grundlagen, Vorgehensweisen und Perspektiven. In: Schöler, H. & Welling, A. (Hg.). Sonderpädagogik der Sprache (S. 550-573) Göttingen: Hogrefe. Schmacke, N. (2000). Qualitätssicherung in der Medizin: Hintergründe einer aktuellen gesundheitspolitischen Diskussion. In: G. Homburg, C. Iven & V. Maihack (Hg.). Qualitätsmanagement in der Sprachtherapie. Kontrollmechanismen oder Kompetenzgewinn? (S. 13-26). Köln: ProLog Verlag.
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