Mädchenschule und Geschlecht: Eine fallrekonstruktive Untersuchung der kollektiven Orientierungen und Weiblichkeitskonstruktionen von Schülerinnen monoedukativer Schulen

Doctoral thesis German OPEN
Waburg, Wiebke (2010)
  • Subject: Mädchenschule | Weibliche Jugend | Geschlechterrolle | Geschlechtsunterschied | Sozialisation
    • ddc: ddc:370

Die Dissertation ist im Rahmen des Projektes "Schulkultur, Geschlechtersegregation und Mädchensozialisation – DIAM" (Projektleitung L. Herwartz-Emden; gefördert von der DFG) entstandenen. In der Arbeit erfolgt die Rekonstruktion der Geschlechtskonstruktionen von Schülerinnen aus Mädchenschulen. Untersucht werden die kollektiven (geschlechtsbezogenen) Orientierungen von Mädchen und jungen Frauen im Alter von 13-19 Jahren. Die Schülerinnen befinden sich in der kulturell definierten Altersphase der Adoleszenz, in der Prozesse der weiblichen Identitätsfindung von besonderer Relevanz sind. Diese stehen in engem Zusammenhang mit Prozessen des Erwachsenwerdens bzw. Erwachsenseins. Besonders zu berücksichtigen ist, dass Mädchenschulen als monoedukative Lernumgebungen dadurch gekennzeichnet sind, dass durch die Segregation an sich eine Betonung der Kategorie Geschlecht erfolgt und gleichsam die Möglichkeit zur Ausblendung der Kategorie Geschlecht entsteht. In der Arbeit werden zunächst die theoretischen und forschungsbasierten Grundannahmen zur sozialen Konstruktion von Geschlecht – als Kategorie, die in ihren Verschränkungen mit anderen Kategorien wie Ethnizität und Alter gedacht werden muss – und zum Sozialisationskontext 'Mädchenschule' dargestellt. Im Methodenkapitel wird auf das Gruppendiskussionsverfahren und die Dokumentarische Methode als Erhebungs- und Auswertungsverfahren eingegangen. Anschließend erfolgt die Präsentation von sechs ausführlichen Falldarstellungen. Schließlich wird eine mehrdimensionale Typik dargestellt, die das Ergebnis einer komplexen komparativen Analyse ist. Die Typologie – bestehend aus der Mädchenschul-, Geschlechts-, Adoleszenz- und Schüler(innen)typik – zeigt für Schülerinnen, die eine Mädchenschule besuchen, auf, in welchem komplizierten Geflecht unterschiedlicher Zugehörigkeiten und Anforderungen Geschlecht konstruiert wird. Gesellschaftlich dominante Geschlechterbilder, der Besuch der Mädchenschule, 'Entwicklungsaufgaben' der Adoleszenz sowie Ansprüche und Merkmale der Institution Schule bilden die Erfahrungshintergründe, die anhand des Materials konturiert herausgearbeitet werden konnten. Auch die Überlagerungen zwischen den einzelnen Typiken werden deutlich. Die Aufarbeitung des Forschungsstandes zum Sozialisationskontext Mädchenschule belegt, dass sich länderübergreifend in den Aussagen der Mädchenschulschülerinnen erstaunliche Parallelen – pro und kontra Monoedukation – finden. Homologe Äußerungen wurden von den für die vorliegende Arbeit interviewten Schülerinnen aus Mädchenschulen gemacht. Die Aussagen belegen ein ambivalentes Verhältnis zur Monoedukation. Es zeigt sich, dass ein großer Legitimationsdruck für Schülerinnen, die Mädchenschulen besuchen, besteht, der allerdings erst mit Beginn der Adoleszenz emergiert, vorher wird die Abwesenheit von Jungen durchaus wertgeschätzt. Mädchen führen weniger Legitimationsargumente an, wenn während der Freizeit Kontakte zu Jungen bestehen oder heterosexuelle Beziehungen durch die große Bedeutung des schulischen Erfolgs (bspw. für Eltern und Mädchen aus Einwandererfamilien) in die Zukunft verschoben werden. Dem Legitimationszwang und der Annahme, in Mädchenschulen sei etwas nicht in Ordnung, steht ein positives Erleben auch von geschlechtlicher und schulischer Normalität gegenüber. Dieses kann zumeist nicht mit der Monoedukation an sich begründet werden, sondern indem auf Mädchenfreundschaften Bezug genommen wird. Freundschaftsbeziehungen unter Mädchen besitzen in der weiblichen Adoleszenz einen hohen Stellenwert. Mädchenfreundschaften stellen somit einen 'normalen' und anerkannten Ort für Mädchen dar und können der Unnormalität der monoedukativen Lernumgebungen entgegengehalten werden. Aber auch in diesem Deutungsmuster ist es wichtig, dass es neben den Mädchenfreundschaften außerhalb der Schule gemischtgeschlechtliche Freundeskreise gibt. Weiterhin dokumentiert sich, dass sich monoedukative und koedukative Schulen in vielen Aspekten nicht unterscheiden, worauf vor allem die Aussagen über Unterricht und Schulleben hindeuten: Die Schülerinnen sprechen über identische Praxen des formellen und informelles doing pupil wie koedukativ unterrichtete Schülerinnen und Schüler. So legen die Mädchen großen Wert auf kompetente, gute Lehrkräfte, ein unterstützendes schulisches Umfeld und positive Beziehungen zu Klassenkameradinnen, auch verspüren sie eine starke Verbundenheit mit der Schule. Die vorliegende Untersuchung leistet einen Beitrag zur Rekonstruktion der Konstruktionsprozesse von Geschlecht und Jugend in Mädchenschulen, indem in Fallbeschreibungen und Typenbildung detailliert herausgearbeitet wurde, welche Erfahrungen in Mädchenschulen und außerschulischen peer groups, mit Lehrkräften, Schülerinnen und Freunden und Freundinnen den kollektiven Orientierungen zugrunde liegen und wie sie durch gesamtgesellschaftliche Geschlechterdiskurse (vor)strukturiert werden. This dissertation aroused within the scope of the project "School Culture, Segregation of Sexes and Socialization of Girls" (project leadership L. Herwartz-Emden, research was funded by the Deutsche Forschungsgemeinschaft and was part of the priority program "The quality of school"). In this doctoral thesis the reconstruction of the social construction of gender from female students in single-sex schools will be investigated. The collective values of girls and young women between the ages of 13-19 years will also be explored. The female students are in the cultural defined age phase of the adolescence in which the process of the female's search for identity is of great significance. This is closely associated with the transition to adulthood respectively with being an adult. The fact that all girls' schools being a studying environment, which is signified of a gender segregation related accent of the category gender and so to speak a possibility of the fade-out of the category gender, is to be particularly considered. In the first instance this paper will outline the theoretical and empirical basic assumption of the social construction of gender and the capabilities of single-sex education regarding gender socialisation. Gender as a category has to be thought in relation to other categories. From an intersectional framework, categories as gender and ethnicity are not reducible to individual attributions, they are positioned and therefore gain meaning in relation to each other and other important categories (social background, age, sexuality etc.). The chapter of methods will elaborate on the procedure of group discussions as a method of generating data and documentary method as a reconstructive analysis tool. Thereafter a presentation of six detailed case descriptions will follow. In the case descriptions the essential reconstructed elements are summarized. In conclusion, a multidimensional typology, which is the result of a complex comparative analysis, will be outlined. The typology shows for girls who are attending an all girls' school that they are constructing their gender identities in a complicated network of different affiliations and requirements. Socially dominant gender images, the attendance of an all girls' school, developmental challenges during the adolescence, claims and features of the institutional school establish experience backgrounds which were identified on the basis of this material. Furthermore the intersections between the individual typicality become noticeably. The workup of the present state of research on girls' schools' proves that there are astounding transnational parallels – pro and contra – in the statements of the female students attending a girls' school. In the presented dissertation homologous utterances regarding the interviewed female students attending single-sex schools were made. The statements prove an ambivalent relation to single-sex education. It shows that a large legitimating pressure for female students attending girls' school exists which is indeed emerging with the beginning of the adolescence, beforehand the absence of male students is absolutely valued. Girls who have contact with boys in their leisure time or girls who due to the great meaning of school success (e.g. for parents and girls from immigrant families) postpone heterosexual relationships to the future quote less legitimating arguments. The legitimating compulsion and the assumptions that something is 'wrong' with girls attending single-sex schools are opposite to the positive experience of (hetero)sexual and school normality. This mostly cannot be justified with the single-sex education but with terms referring to girls friendships. Friendships between girls have a high priority in the female adolescence. Therefore girls' friendships represent a normal and accepted place for girls and moreover can hold against the deviation of a single sex educational learning environment. In addition with this significant pattern it is important that besides the girls friendships a mixed-sex peer group exists outside the school. Furthermore it can be documented that single-sex educational and co-educational schools do not distinguish in many aspects what especially the statements regarding the teaching and school life indicate. The female students speak of identical practices as co-educational taught female and male students. The female students highly value competent and good teachers, a supportive school environment and positive relationships with their classmates and they feel a strong solidarity with the school. The presented doctoral thesis contributes to the reconstruction of construction processes of gender and adolescence in girls' schools by case descriptions and reconstructing experience in girls’ schools and outside school. It is presented in detail how gender constructions become (pre)structured by society's gender discourses.
Share - Bookmark

  • Download from
    OPUS Augsburg via OPUS Augsburg (Doctoral thesis, 2010)
  • Cite this publication