Ein Nachkömmling Tristans : Warum hat Theodor Storm in seiner Novelle „Späte Rosen" Gottfried von Straßburgs „Tristan und Isolde" erwähnt?

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田淵, 昌太 (2010)
  • Publisher: 広島独文学会
  • Journal: 広島ドイツ文学, issue 24, pages 17-32
  • Subject: 940

Man hat bisher Theodor Storms Novelle „Späte Rosen" für ein Werk gehalten, das ein friedliches Familienleben beziehungweise das tägliche Zusammenleben eines Ehepaars schildert. Zum Beispiel hat Beate Charlotte Göhler in ihrer umfangreichen Storm-Biografie geschrieben, dass Theodor Storm mit diesem Werk seiner Frau Constanze eine Liebeserklärung machte („Ein Leben für die Graue Stadt" S.198). Wenn man diese Novelle nur oberflächlich liest, ist es eine mögliche Folge, dass man „Späte Rosen" als eine Art von Liebesdichtung zwischen zwei Ehepartnern ansieht. Aber mit Hilfe des Schlüsselworts vom „dunklen Wasser", der Geschichte „Tristan und Isolde" und dem Symbol der roten Rosen lässt sich dieses Werk tiefer verstehen. In „Späte Rosen" schildert Storm zwar scheinbar gleichgültig die Ostsee; „[•••] und wir saßen nun, die alte Zeit beredend, auf der breiten Terrasse vor dem Hause, von der man über den tiefer liegenden Garten und über eine daran grenzende grüne Wiesenfläche auf das dunkle Wasser der Ostseebucht und jenseits dieser auf sanft anstiegende Buchenwälder hinaussah [•••]" („Sämtliche Werke in vier Bänden" Bd.1. S.427 f.). An dieser Stelle darf man aber die Erwähnung des dunklen Wassers der Ostsee nicht übersehen. In den Stormschen Novellen sind die Szenen mit dunklem Wasser fast immer bedeutungsvoll. Denn das dunkle Wasser warnt die Gestalten, die die moralische Ordnung des bürgerlichen Alltagslebens verwirren wollen. Einen Verstoß gegen das moralische Gesetz der bürgerlichen Welt stellen hier zum Beispiel der sündige Umgang mit der Verheirateten, die Doppelehe und die standeswidrige Eheschließung zwischen den Geliebten dar. Die Figuren, die sich solche Handlungen zuschulden kommen lassen, werden ins Wasser hineingezogen und wären beinahe ertrunken. Dies ist die Warnung aus dem dunklen Wasser. Wenn man, wie Reinhardt in der Novelle „Immensee", solche unmoralische Handlungen unterlassen kann, so kommt man unverletzt zur irdischen Welt zurück. Wer aber jene Warnung außer Acht lässt, wird in dem dunklen Wasser ertrinken. Darum muss der Leser die Szenen mit dem dunklen Wasser in den Stormschen Werken immer aufmerksam beobachten. Da Storm am Anfang des Werkes das dunkle Wasser schildert, haben wir keine andere Wahl, als diese Novelle aus dem Blickwinkel der bürgerlichen Moral zu betrachten. Auf diese Weise ist die Warnung aus dem dunklen Wasser der erste Schlüssel, die Novelle neu zu erhellen. Der zweite Schlüssel ist die Geschichte von „Tristan und Isolde". Die Hauptfigur Rudolf in „Späte Rosen" erlebt die Welt von „Tristan und Isolde" nach; „[•••] Und nun beginnt das Zauberspiel des alten Dichters; wir leben mit ihnen [=Tristan und Isote] in ihrem Zweifel und in ihrer Herzensgier, wie sie nicht wollen doch müssen, wie sie noch glauben frei zu sein und dennoch fürchten es zu werden. [•••]" (Ebd. S.432.). „Der Minnetrank hat seine Zauberkraft bewährt. Die schöne Königin Isote und Tristan, des Königs Neffe, sie konnten von einander nicht lassen. Der alte langmütige König hat endlich die Schuldigen verbannt; [•••]" (Ebd. S.435). Wenn Storm nur die Absicht gehabt hätte, ein friedliches Familienleben zu beschreiben, hätte er „Tristan und Isolde" nicht erwähnt. Denn „Tristan und Isolde" ist, wie oben erwähnt, ein typisches Werk der „Ehebruch-Literatur" in Europa. Der dritte Schlüssel ist das Symbol der roten Rosen. Sogar nach seiner Heirat mit Constanze, geborene Esmarch, hat Storm mehrfach in seinen Werken Dorothea Jensen, seine Geliebte, symbolisch mit roten Rosen dargestellt. Auch in dieser Novelle schmückt Storm das Bildnis der Hausfrau mit roten Rosen. Überdies kommt das Wort „Rosen" im Titel des Werks vor. Daher kann man vermuten, dass Rudolfs Frau in diesem Werk nicht die Frau des Autors, sondern seine Geliebte widerspiegelt. Nur zum Schein schildert Storm in „Späte Rosen" seine Frau Constanze, in der Tiefe handelt es sich um seine Geliebte Dorothea. Tatsächlich ist „Späte Rosen" kein Werk, das das Stormsche friedliche Familienleben spiegelt, sondern ein Werk, das ein gefährliches Gefühl gegenüber seiner Geliebten unwillkürlich äußert. Storm war in seinen Gefühlen zwischen Constanze und Dorothea hin- und hergerissen. Dieses problematische Thema wird nach 14 Jahren, also nach dem Tod Constanzes und nach der Heirat Storms mit Dorothea, in der Novelle „Viola tricolor" neuerlich behandelt. Diese Tatsache zeigt, wie tief und ernst das Thema für Storm war. In der vorliegenden Arbeit wird versucht, die Stormsche Novelle „Späte Rosen" aus der Perspektive der „Ehebruch-Literatur" neu zu interpretieren. Seine Novelle „Späte Rosen", die das Innerste des Stormschen Herzens spiegelt, sollte in der Forschung einen höheren Stellenwert als bisher erhalten.
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